Erzählen statt vorlesen

Über die Kunst des Erzählens

Das Erzählen hat keinen Ursprung und kein Alter. Es darf einfach angenommen werden, dass erzählt wird, seit es Menschen auf der Welt gibt. Vielleicht schon beim noch älteren Neandertaler. Ebenso wenig hat das Erzählen einen Ort, denn es ist kein Volk der Welt bekannt, das nicht irgendeine Überlieferung von Geschichten kennt; seien es profane Alltagsgeschichten, seien es Geschichten der Entstehung von Dingen, seien es Mythen.

Das Erzählen findet immer mündlich statt. Vorlesen ist nicht Erzählen! Das ent­faltet einen anderen Zauber. Es ist direkte Kommunikation, ein miteinander Verbunden sein durch das Wort, das Bild, das hervorgerufen wird, die Begebenheit, die erzählt wird.

Obwohl das Erzählen in keiner "anerkannt staatlichen" Schule gelehrt wird, nehmen es die Menschen, die sich dieser Profession verschrieben haben auf eine sehr eigene Art und Weise ernst. Es ist meist ein innerer Antrieb, der sie dazu bringt, anderen Geschichten vorzutragen. Es gibt keine Normierung, das jeweils Eigene der Erzählerin - des Erzählers kommt stark zum Ausdruck. Dadurch entsteht eine große Nähe zum Publikum. Hier spricht Mensch zu Menschen - und doch ist es geformte, erarbeitete Sprache. Erzählen ist eine Kunst und als solche setzt sie Arbeit, kollegialen Austausch, Arbeit an sich selbst voraus.

Manche Geschichten werden frei erzählt. Dies bedeutet, dass der Erzähler zwar den Gang der Geschichte genau kennt, aber die Worte mehr oder weniger im Augenblick des Erzählens findet und formt.
Eine andere Form ist das "gebundene Erzählen", bei dem die Geschichte Wort für Wort auswendig gelernt ist. Ebenfalls eine hohe Kunst, die viel Erstaunen und Bewunderung hervorruft. Hier wird an jedem Satz in Sprachmelodie und Ausdruck gefeilt, und das innere Begreifen dessen, was der Text "hergibt" muß erarbeitet werden.

Jede Geschichte hat ihr eigenes Herz, ihre eigenen Fallstricke und ihre eigenen Schönheiten. Die Erzählerin - der Erzähler muß sich hineinfinden in diese "Persönlichkeit der Geschichte", sich ihr hingeben. So kommt es, dass wir nur das erzählen (können), was uns selbst anspricht. Wir mögen die Geschichten einer Kollegin wunderbar finden, und sie doch nicht erzählen können, weil sie nicht "in" uns sind.

So ist das Erzählen eine sehr individuelle Kunst. Jede und jeder von uns besitzt ein ganz eigenes Repertoire, einen eigenen Stil, eine eigene Herangehens­weise.

Dies bedeutet nicht, dass uns Schulung, Lernen, Nachahmung fremd wären. Der Stuttgarter Märchenkreis bietet regelmäßig Fortbildungen an für ErzählerInnen. Viele von uns nehmen Sprach- und Sprech­unterricht, manche haben eine Ausbildung in der einen oder anderen freien Schule oder bilden sich extern fort. Doch wie im Leben lernen auch wir haupt­sächlich durch das regelmäßige Tun, lernen wir im Alltag, lernen wir auf der Bühne oder auf anderen Veranstal­tungen, bei denen wir unsere Kunst darbieten. Das Leben ist der beste Lehrer!


(Wir danken unserem Mitglied Martin Schmauder für diesen Beitrag)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
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